Wenn du schon länger Wing Chun oder eine andere Kampfkunst trainierst, kennst du dieses Gefühl vielleicht: Es gibt Orte, an denen man nicht einfach nur die Technik lernt, sondern etwas viel tiefgreifenderes. Für manche ist es Japan oder das alljährliche Intensiv-Camp im Allgäu. Für mich ist es Hong Kong. Dieses Jahr war ich zum dritten Mal dort, und obwohl ich wusste, was mich erwartet, hat mich die Reise erneut überrascht, gefordert und vor allem verändert. Ich wollte vor allem eines besser verstehen: **來留去送, 甩手直衝 (Loi Lau Hoi Sung, Lat Sao Jik Chung). **Nicht als Schlagworte oder mysteriöse Leitsätze aus dem Kuen Kuit, sondern als gelebte Prinzipien. Als etwas, worüber ich nicht nachdenken muss. Es sollte ein Teil von mir und meinem Stil werden.
Trainingstage, die in Erinnerung bleiben
Der reguläre Unterricht begann jeden Abend um 19 Uhr. Wir standen insgesamt acht Trainingstage auf der Matte bzw. dem lackierten Betonboden, dazu noch fünf intensive Privateinheiten, die jeweils zwei Stunden dauerten. Das heißt: viel Praxis, viel Korrektur, viel Zeit in Sifu Ng Chun Hongs Nähe. Der Ablauf war traditionell. Jeder bereitete sich selbst vor, ging in die Formen und suchte seinen eigenen Fokus. Sobald ein Fehler auffiel, stand Sifu neben dir. Manchmal korrigierte er leise. Manchmal packte er deine Struktur und zeigte dir physisch, wie sich der Unterschied anfühlt. Und manchmal wurde aus einer kleinen Korrektur eine zehnminütige Lehrrede, bei der Theorie, Geschichte und direkte Anwendung ineinanderflossen. Er wiederholte oft denselben Satz: **“Remember. It’s the detail.” **Sifu Hongs Schüler verkörpern das. Ihre Geschwindigkeit, ihre Präzision und die Art, wie sie aus Chi Sao in echtes Sparring übergehen, ist schwer in Worte zu fassen. Es war das erste Mal, dass ich wirklich verstanden habe, wie fließend dieser Übergang sein kann. Es fühlte sich an wie ein vorgehaltener Spiegel. Wie eng wir im Westen oft denken und wie wenig wir eigentlich von „be water, my friend“ verstehen…
**Durchbrüche, die bleiben **
Dieses Jahr war voll von Momenten, die sich wie Knotenlöser anfühlten. In der Theorie zum System, in der Geschichte des Wing Chun, in technischen Feinheiten, die ich vorher nur halb verstanden hatte. Ich habe gelernt, dass Sifu Hong keine Kopien von sich erschafft. Er möchte, dass seine Schüler besser werden als er selbst. Das sagt er nicht einfach so – er lebt es. Seine Art zu unterrichten zeigt, dass Wing Chun nichts Starres ist. Es wächst mit dem Schüler, nicht umgekehrt. Und doch bleibt es einfach. Das war vermutlich die wichtigste Lektion: Keep it simple and stupid. Wing Chun funktioniert, wenn man die Verschnörkelungen weglässt und den Kern ernst nimmt.
Sparring, das eine neue Tür geöffnet hat
Das Sparring dort ist herausfordernd. Nicht im Sinne von Härte oder weil die äußeren Einflüsse für uns Europäer ungewohnt sind. Es ist viel mehr die Konsequenz aus dem Sparring, die einen herausfordert. Die Selbstreflektion hinterher. Aus dem Chi Sao entsteht ein Freikampf, der intuitiv wirkt, aber gleichzeitig hochstrukturiert und berechnet ist. Wie ein wahnsinnig schnell gespieltes Match im Schach. Und kein Fehler bleibt unentdeckt… Trotz aller Geschwindigkeit und mancher sehr subtilen Techniken entgeht Sifu Hong nichts. Das Feedback direkt nach der ca. 5 minütigen Sparringseinheit gibt es in ungeschönter Ehrlichkeit. Im ersten Moment ist es jedoch eher nichtssagend. Da aber auch bei aller Tradition auf moderne Mittel zurückgegriffen wird gibt, es den Videobeweis. Über Nacht bzw. übers Wochenende hat man Zeit zur Selbstanalyse gefolgt von einer Unterweisung zur nächsten Unterrichtseinheit. Ich habe gemerkt, wie viel Potenzial in diesem Ansatz steckt – und wie viel ich selbst noch zu lernen habe.
Der Unterschied zwischen Hong Kong und dem Westen
Es gibt große Unterschiede in der Trainings- und Unterrichtskultur. Und interessant war für mich zu erfahren, dass diese Unterschiede nicht nur zwischen Ost und West existieren, sondern auch innerhalb Hong Kongs. Der kritischste Punkt: Viele im Westen wollen alles schnell. Fünf Jahre lernen, Schule eröffnen, Sifu werden, Geld verdienen. Dieses Denken nimmt dem Kung Fu seine Tiefe. Sifu Hong betont etwas anderes: Nicht die Jahre zählen, sondern die Stunden, die man wirklich trainiert und lernt. Er ist kompromisslos, wenn es um Details geht. Aber genau diese Details entscheiden am Ende. Außerdem ist nicht nur seine Unterrichtsweise traditionsgebunden, sondern auch seine Haltung zum Kung Fu im Allgemeinen. Loyalität und Respekt gegenüber der Schule und dem Lehrer bilden die Grundlage des Kung Fu – so Sifu Hong. Werte, die in unserer reizüberfluteten und schnelllebigen Welt nicht mehr selbstverständlich sind – auch in Hong Kong.
Eine Beziehung, die mich trägt
Dieses Jahr hat sich in unserer Beziehung etwas Besonderes verändert. Zum ersten Mal nannte er mich seinen Schüler – nicht Teilnehmer oder Besucher. Und er meinte es ernst, als er das sagte. Ohne Übersetzung durch seinen halbamerikanischen Schüler. Er beschrieb unsere Verbindung als freundschaftlich und vertrauensvoll. Herz zu Herz. Das hat mich tief berührt, vor allem weil es von einem Mann kommt, der seit Jahrzehnten Wing Chun lebt und bewahrt – und das, wenn nötig, kompromisslos und auch mal ruppig. In den Privatstunden sprachen wir über vieles: Seinen eigenen Lernweg, das Altern, das Vermächtnis des Wing Chun. Es sind Gespräche, die bleiben. Und natürlich schwingt auch ein Gedanke mit, den ich schwer greifen kann: Dass er 81 Jahre alt ist und ich nicht weiß, wie viel Zeit ich noch habe, um von ihm zu lernen. Gleichzeitig hat er gezeigt, wie fit er noch ist – sein Körper spricht da eine deutliche Sprache. Auch seine Schüler tragen diese Herzlichkeit weiter. Es spielt keine Rolle, aus welchem Land du kommst. Wenn du dort trainierst, gehörst du dazu. Und auch außerhalb des Trainings bekommst du Unterstützung, Tipps und offene Türen.
Hong Kong – eine Stadt voller Leben und Ruhe zugleich
Hong Kong fühlt sich für mich jedes Mal wie Heimkommen an. Im Distrikt Kwun Tong der Duft nach frischem Gebäck, mal süß, mal herzhaft. Auf Hong Kong Island die Straßenbahnen (Ding Dings, wie sie die Locals nennen), die Straßen voller bunter Taxen, die Busse, die Menschenmengen an den Ampeln. Es ist eine Stadt, die gleichzeitig laut und beruhigend ist. Trotz des dichten Zeitplans war es für mich Entschleunigung pur. Ein trauriges Ereignis überschattete die Reise jedoch: Der Brand der Hochhäuser in Tai Po, bei dem über 150 Menschen ums Leben kamen. Solche Ereignisse relativieren vieles und zeigen, wie schnell sich persönliche, lokale oder globale Umstände ändern können.
Momente außerhalb des Unterrichts
Neben dem Unterricht gab es einige Erlebnisse, die für mich genauso wertvoll waren wie das Training selbst. Einer dieser Momente war der Besuch von Yip Mans Grab in Fanling. Die Atmosphäre dort war besonders. Eine Ruhe und Stille, die man in Hong Kong selten findet. Es fühlte sich an, als ob Meister Yip im Stillen noch eine Lektion mitgeben würde. Keine Worte, kein Gedanke, der dazwischenfunkt. Einfach sein und wahrnehmen. Ein weiterer wichtiger Punkt dieser Reise war der Besuch der Bruce-Lee-Ausstellung im Heritage Museum. Ich war 2024 schon einmal dort, aber diesmal war es anders. Mit dem Wissen, dass Bruce Lee und Sifu Hong in benachbarten Distrikten aufgewachsen sind und sogar dieselbe Schule besucht haben, sah ich die Ausstellung mit neuen Augen. Viele Exponate wirkten vertrauter und gleichzeitig tiefer. Man erkennt Verbindungen, die beim ersten Besuch nicht sichtbar waren, weil einem der persönliche Hintergrund gefehlt hat. Es ist ein komisches Gefühl, zwischen Vitrinen zu stehen und zu wissen, dass dein eigener Sifu einen Teil dieser Geschichte miterlebt und geprägt hat – wenn auch indirekt. Man bekommt ein besseres Gespür dafür, wie eng verzahnt das Wing Chun der damaligen Zeit war, wie klein die Welt der Kampfkunst in Hong Kong eigentlich ist und wie viel Tradition tatsächlich in den heutigen Bewegungen steckt. Diese Momente außerhalb des Trainings haben mir noch einmal gezeigt, dass Wing Chun nicht nur Technik ist. Es ist Kultur, Geschichte und ein Geflecht aus Menschen, deren Wege sich über Jahrzehnte immer wieder kreuzen. Und je mehr man darüber versteht, desto mehr beginnt sich auch das eigene Training mit einem zu verändern.
Was ich mit nach Hause nehme
Mein Unterricht wird sich verändern. Nicht radikal, aber doch spürbar. Die Tiefe wird größer, die Details klarer. 2026 bleibt im Konzept stabil – aber die Feinheiten, die ich von Sifu Hong lernen durfte, fließen ein. In meinen eigenen Stil und direkt in deinen Unterricht, wenn du bei mir lernst. Wing Chun ist ein einfaches System. Einfach, wenn man es wirklich versteht. Und genau das ist die Reise, auf der ich mich befinde – jedes Jahr ein Stück weiter.
Und wenn du jetzt wissen möchtest, was ich über 來留去送, 甩手直衝 gelernt habe, dann schau doch gern vorbei!