Geduld und Beharrlichkeit: Warum „dranbleiben“ heute schon fast ein Akt des Widerstands ist

Warum Geduld und Beharrlichkeit im Wing Chun keine Nebensache sind und wieso echtes Lernen heute oft genau darin seinen Wert zeigt.

Geduld und Beharrlichkeit

Geduld und Beharrlichkeit: Warum “dranbleiben” heute fast schon ein Akt des Widerstands ist

Ich merke es immer wieder. Nicht nur bei anderen, auch bei mir selbst. Da ist dieses leise Ziehen in Richtung “schneller”. Schnell lernen. Schnell besser werden. Schnell Resultate sehen. Und wenn’s nicht sofort klickt, kommt der Gedanke: „Vielleicht ist das nichts für mich. Vielleicht sollte ich was anderes machen“. Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Arbeit. Ich schreibe das hier, weil Geduld und Beharrlichkeit in unserer Zeit seltsam rar geworden sind. Nicht, weil Menschen plötzlich uninteressierter wären, eher weil unsere Umgebung uns in eine andere Richtung trainiert – z.B. die Werbung oder Social Media. Alles ist darauf gebaut, dass du wechselst. Von Video zu Video, von Thema zu Thema, von Gefühl zu Gefühl. Kurz ankratzen, kurz konsumieren, weiterscrollen. Muße, ein Thema wirklich zu verfolgen, ist fast schon eine Kunst. Und manchmal fühlt es sich an wie ein kleiner Protest gegen den Lärm. In Shannon Lees Buch „Be Water, my friend“ steckt ein Gedanke, der mich dabei immer wieder erdet: “Sei Wasser.” Viele verstehen das als: Sei flexibel, sei formbar, passe dich an. Und das stimmt. Aber Wasser hat noch eine zweite Qualität, die oft übersehen wird. Wasser bleibt. Wasser ist gleichmütig. Es findet Wege. Es passt sich an. Es gibt nicht auf. Und am Ende verändert es das, was stärker aussieht als es selbst. Du weißt schon: Der stete Tropfen…

Mein eigener Geduldstest – Schritt für Schritt statt Abkürzung

Ich bilde mich im Wing Chun ständig weiter. Nicht, weil ich das Gefühl hätte, “noch nicht fertig” zu sein, sondern weil dieses System genau so gedacht ist. Du kannst Wing Chun nicht einfach „durchspielen“. Du kannst dich jahrelang damit beschäftigen und trotzdem immer wieder merken: Da ist noch eine feinere Ebene. Das wäre die Bedeutung von Kung Fu in reinform. Ein gutes Beispiel ist Hongkong. Wenn ich dort Unterricht nehme, spüre ich jedes Mal zwei Dinge gleichzeitig:

  1. Ich bekomme extrem wertvollen Input.
  2. Ich sehe, wie viel ich noch nicht verstanden habe und noch lernen muss.

Und das ist kein Rückschritt. Das ist der Spiegel, den man braucht, wenn man wachsen will. Es gibt Leute, die suchen in so einem Moment sofort etwas Neues. Eine neue Methode. Einen neuen Stil. Eine neue Technik. Ein neues “Geheimnis”. Hauptsache, das Gefühl von “nicht weiterkommen” verschwindet. Ich verstehe das. Wirklich! Aber genau da trennt sich oft der Weg. Wer bleibt, bekommt etwas, das man nicht downloaden, streamen oder im Außen greifen kann: Tiefe.

Warum Geduld heute so schwer geworden ist

Ich glaube, viele junge Menschen (gerade im Alter 16 bis 30) haben nicht “zu wenig Geduld”. Sie haben nur zu wenig Gelegenheiten, Geduld wirklich zu üben. Unsere Welt belohnt schnelle Reize. Schnelle Erfolge. Schnelle Meinungen. Schnelle Identitäten.  Denk‘ mal darüber nach, warum alles immer schnell verfügbar sein muss! Ein-Tages-Prime-Lieferung, der Insta-Feed muss gleich beim Start der App erscheinen, Like Button ganz nah am „Scroll-Daumen“ – oder einfach den Beitrag doppelt antippen. Es muss schnell gehen!!! Und natürlich kommt auch noch der Reiz des Neuen dazu – aber das ist nochmal ein Thema für sich… Du kannst heute innerhalb von Minuten das Gefühl bekommen, du hättest ein Thema verstanden, nur weil du es oft genug gesehen hast – und die im Hintergrund laufenden Algorithmen bestätigen das. Nicht umsonst siehst du auf Social Media nach zwei bis drei Katzenvideos plötzlich alle Katzenvideos dieser Erde. Hast du nun aufgrund der Videos eine nennenswerte Ahnung von Katzen?  Gesehen ist nicht verstanden. Im Körper, im Handwerk, in echten Fähigkeiten gilt eine andere Währung: Wiederholung. In diesem Zusammenhang greift auch wieder ein kleines Zitat von Sifu Hong: „Es kommt nicht auf die praktizierten Jahre an, sondern auf die praktizierten Stunden“ Wiederholung fühlt sich anfangs oft langweilig an. Oder frustrierend. Oder sinnlos. Das ist dann leider der Punkt, an dem viele aussteigen. Nicht weil sie “zu schwach” sind, sondern weil sie nie gelernt haben, dass genau diese Phase dazugehört und in der Entwicklung extrem wichtig ist.

Prinzipien statt Tricks

Wing Chun ist ein gnadenlos ehrlicher Lehrer. Vor allem, wenn man es nicht als Sammeln von Techniken betreibt, sondern als Arbeit an Prinzipien. Prinzipien sind unbequem, weil sie nicht sofort glänzen. Du kannst eine Technik vorführen und bekommst schnell Feedback. Sieht gut aus. Fühlt sich stark an. Macht Spaß. Ein Prinzip ist anders. Ein Prinzip zeigt sich erst, wenn Druck draufkommt. Struktur. Timing. Distanz. Ruhe. Vorwärtsdrang ohne Hektik. Das sind Dinge, die wachsen langsam. Und sie wachsen nur, wenn du dranbleibst.  Ich sehe das bei fast allen Schülern, die regelmäßig da sind. Es ist immer dasselbe Muster: Am Anfang wirkt alles gleich. Als würde nichts passieren. Dann kommt irgendwann dieser Moment, in dem etwas “setzt”. Und plötzlich ist ein Schritt stabiler. Eine Bewegung klarer. Der Blick ruhiger. Die Reaktion weniger panisch. Nicht, weil sie plötzlich Talent auf der Straße gefunden haben, sondern weil sie da waren. Regelmäßig. Unaufgeregt. Beharrlich. Und ganz ehrlich: Das beeindruckt mich jedes Mal, weil das in unserer Zeit nicht selbstverständlich ist.

Wir verlieren die Fähigkeit, uns zu bilden

Was mich daran stört, ist nicht “die Jugend”. Es ist die Richtung, in die wir als Gesellschaft rutschen. Wir verlieren eine Fähigkeit, die früher normal war: uns über Zeit zu bilden. Nicht nur Wissen anzusammeln, sondern wirklich an einer Sache zu reifen – früher sagte man im Allgemeinen „heranwachsen“. Heute wird oft so getan, als sei das Leben ein Buffet. Von allem ein bisschen. Alles probieren. Alles schnell. Ganz viel auf ganz wenig Zeit! Aber Tiefe entsteht nicht am Buffet. Tiefe entsteht in der Küche. Wenn du schneidest, wenn du wiederholst, wenn du Fehler machst, wenn du lernst, was funktioniert und was nicht. Beharrlichkeit lässt sich auch mit der physischen Tiefe vergleichen. Wenn du schon mal mit einer Schaufel ein Loch gegraben hast, wirst du mir wohl zustimmen, dass die ersten 50cm recht einfach gehen, bis dann mal der verdichtete lehmige Boden kommt… Geduld bedeutet nicht, passiv zu warten. Geduld bedeutet, aktiv zu bleiben, ohne sofortige Belohnung zu brauchen und ohne gleich nach zwei, drei Fehlversuchen die Flinte ins Korn zu werfen. Beharrlichkeit bedeutet nicht, stur zu sein. Beharrlichkeit bedeutet, eine Sache zu wählen und ihr die Chance zu geben, dich zu verändern.

“Be Water” heißt auch: Lass Zeit für Form

Wasser ist weich, aber nicht schwach. Es nimmt die Form an, ja. Aber es verliert nicht sein Wesen. Es fließt weiter, auch wenn es aufgehalten wird. Es findet den Spalt, den andere übersehen. Und es bleibt lange genug, um Stein zu glätten. Wenn ich das auf mein Training übertrage, dann heißt das: Nicht jedes Training muss spektakulär sein. Nicht jede Einheit muss sich gut anfühlen. Nicht jede Woche muss Fortschritt sichtbar sein. Wichtig ist: Ich bleibe im Fluss. Und genau dadurch entsteht das, was andere „Fähigkeit“ oder „Begabung“ nennen.

Experiment: Wähle ein Thema und bleib vier Wochen dran

Wenn du gerade in dieser schnelllebigen Welt das Gefühl hast, du wirst ständig gezogen und zerstreut, dann mach’s simpel. Wähle ein Thema. Eins. Nicht zehn Projekte. Nicht drei neue Routinen. Eins. Und dann bleib vier Wochen dabei. Ohne Erwartung. Ohne Perfektion. Einfach nur dranbleiben.

Wenn du Wing Chun spannend findest, dann ist das ein perfektes Feld dafür. Weil es dich nicht nur körperlich fordert, sondern mental formt. Du lernst, ruhig zu bleiben, während du arbeitest. Du lernst, nicht sofort aufzugeben, wenn etwas nicht klappt. Du lernst, dass Fortschritt oft leise ist. Und wenn du dir unsicher bist, ob das was für dich ist: Dann probiere es aus. Und wenn du da bist, sage ich dir das, was ich vor der ersten Stunde immer gern sage: Schau dir die anderen Schüler genau an und was sie machen. Dann siehst du, wo deine Reise hingehen kann.

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